Wissenschaft gegen Weisheit

Wie die Macht, indem sie sich entpersönlichte und sozialisierte, Gold Kapital geworden ist, ebenso ist die Weisheit, indem sie sich entpersönlichte und sozialisierte, “Begriff”, “Rationalität” geworden. Und das ist die zweite Wurzel des europaïschen Übels.

Sowohl die Philosophie als auch die positive Wissenschaft des Abenlandes sind in ihrer Essenz wesentlich sozialistisch, demokratisch, antihierarchisch. Sie unterstellen das als “wahr”, was von jedermann anerkannt werden muß; das, worin jedermann, was immer für ein Leben er lebe, wofern er nur eine gewisse Bildung besitzt, einwilligen kann. Genau wie im Kriterium der “Mehrheit” des politischen Demokratismus setzen sie die Gleichheit voraus und gebieten unter dem Kriterium der Quantität über alles, was in diesem Bereich Qualität sein könnte, Unreduzierbarkeit der Qualität, Vorrecht der Qualität.

Und es gilt nicht, individualistische oder auch relativistische lehren zu verkünden, wenn schon in der Art, sie zu verkünden, welche die begriffliche Art der profanen Philosophie ist, sich zeigt, daß man den besagten demokratischen, unpersönlichen, kollektivistischen Voraussetzungen angehangen hat, die letztlich die Voraussetzung dieser Philosophie im allgemeinen selbst sind. Der Weg ist ein ganz anderer – diese Voraussetzungen selbst müßte man zu bekämpfen beginnen, als erstes, wenn man nicht in den Unsinn eines Imperialismus verfallen will, der, anstatt durch jene Hierarchie von oben sich einzusetzen, von der wir sprachen, die Anerkennung des Volkes zu seiner Rechtfertigung ein holt. Und hier wird man zu merken anfangen, mit welchem Feind man zu kämpfen hat, in welch entsetzlicher Weise die “Kultur” selbst, nicht nur die “Gesellschaftsordnung” der heutigen ein tatsächlicher Demokratismus ist – und welchen Verzicht sie sich auferlegen müssen, um die Gesundheit wieder zuerlangen.

Wie das Gold eine Realität ist, die indifferent geworden ist gegenüber der Qualität der Individuen, die es besitzen, so auch das “Wissen” der heutigen Menschen. Besser gesagt: einem Willen zur Gleichheit gehorchend, einer anti-hierarchischen Unduldsamkeit und folglich einem sozialistischen Vorurteil, hat sich das Wissen der Europäer notwendig auf etwas übertragen müssen, worauf die Wirtsamkeit der individuellen Unterschiede und der Bedingung – um zu wissen – einer aktiven individuellen Differenzierung auf ein Mininum beschränkt ist; und deshalb berief man sich auf die physische Erfahrung, die annährend gleich ist für alle Menschen, insofern sie Tiere sind (positive Wissenschaft), oder auf die Welt der Abstraktion und der verbalen Konventionen (Philosophie und Rationalismus).

Der Anspruch auf die Sozialisierung des Wissens hat notwendig zu dessen Abstraktion geführt, und deshalb hat er eine unüberbrückbare Kluft geschaffen zwischen dem Wissen selbst und dem Leben zwischen dem Kennen und dem Sein und was darüber hinaus Qualität der Phänomene und “metaphysische Wirklichkeit” sein kann. So ist im Abendland der Gedanke, wenn nicht auf ein Werkzeug reduziert, um mehr oder weniger konventionell die mehr außerliche, allgemein-quantitative und gleichförmige Seite der materiellen Dinge abzuschreiben, nichts als ein Schöpfer von Irrealität, von “vergegenständlichten” Worten, von leeren logischen Schmematismen, auch wenn er sich nicht in einen intellektuellen Sport auflöst, der um so lächerlicher ist, in je besserem Glauben er ausgeübt wird.

Daher die ganze Irrealität des modernen Geistes: abgespalten vom Leben, ist der mensch heute gleichsam ein Schatten, der sich zwischen Schemata und Programmen und intellektuellen Überbauten bewegt, die unvermögend sind, mit der Wirklichkeit und dem Leben selbst fertig zu werden; während er sich immer mehr abhängig macht von einer Wissenschaft, die Abstraktion an Abrstraktion fügt, Sklavin, die sie ist, von phänomenischen Gesetzen, die sie feststellt, aber nicht begreift, und die sich alle in einer mechanischen Außerlichkeit erschöpfen, ohne daß irgendeine der Möglichkeiten, die damit verbunden sind, auch Möglichkeitswert hätte für das innere Sein des Menschen.

Wegen der räumlichen Beschränkung, die uns die vorliegende Abhandlung auferlegt, können wir der Frage hier gewiß nicht auf den Grund gehen. Man glaube aber nicht, daß sie dem Problem des Imperiums selbst fremd ist: so, wie wir es ausstellen, ist das Problem des Imperiums das Problem par excellence, demgegenüber es keine Möglichkeit gibt, daß sich besondere Probleme herausbilden und selbständig machen könnten. Der Partikularismus, die wechselseitig Indifferenz der verschiedenen Formen der menschlichen Tätigkeit – hier die Politik, dort die Wissenschaft, hier die Praxis, dort die Religion, und so weiter – ist ein anderer, schon aufgezeigter Aspekt des europaïschen Niedergangs und ein unzweideutiges Symptome seiner Inorganizität.

Im Wissen muß die imperiale Hierarchie verankert sein: “Die Wissenden müssen regieren” hat schon Platon gesagt – und dies ist ein zentraler, absoluter, endgültiger Punkt in jeder vernünftigen Ordnung der Dinge. Aber nichts wäre lächerlicher, als ein solches Wissen mit irgendeiner technischen Kompetenz, positiven Wissenschaft oder philosophierenden Spekulation gleichzusetzen: es fällt vielmehr mit dem zusammen, was wir zu Beginn mit einer traditionellen, sowohl vom klassischen Okzident als auch vom Orient gebrauchten Verzeichnung Weisheit genannt haben. Und die Weisheit ist etwas ebenso Aristokratisches, Individuelles, Tatsächliches, Substanzielles, Organisches, Quantitatives, wie das Wissen der “Zivilisierten” dagegen demokratisch, sozial, universalistisch, abstrakt, nivellierend und quantitativ ist. Und hier sind wiederum zwei verschiedene Welten, zwei Ausblicke, zwei Anschauungen, die eine gegen die andere zu stellen, ohne irgendwelche Anpassung.

Kennen, der Weisheit gemäß, will nicht heißen “denken”, sondern die gekannte Sache sein: sie leben, sie innerlich verwirklichen. Der kennt nicht wirklich ein Ding, der nicht sein Bewußtsein aktiv in ihm verwandeln kann. Und deshalb hat das, was sich au seiner direkten oder individuellen Erfahrung ergibt, und nur das, als Kenntnis, Erkenntnis zu gelten. Und im Gegensatz zur modernen Geistesbeschaffenheit, die das, was sich unmittelbar dem einzelnen Individuum ergibt, “Phänomen”, “subjektiven” Anschein nennt, und dahinter etwas anderes, was lediglich gedacht oder gemutmaßt wird (das “Ding an Sich” der Philosophen, das “Absolute” der profanen Religion, die “Materie”, der “Äther” oder die “Energie” der Wissenschaft) als die “wahre Realität” aufstellt, ist die Weisheit ein absoluter Positivismus, der real nur das nennt, was man in Beziehung zur direkten Erfahrung erlangen kann, und alles übrige irreal, abstrakt, illusorisch.

Man wird einwerfen, daß sich von diesem Gesichtspunkt aus das ganze Wissen auf endliche und zufällige, von den physischen Sinnen gegebene Dinge beschränken würde – und in der Tat verhält sich die Sache so und muß sich so verhalten für die große Rasse der Menschen; als welche nur innerhalb dieser Endlichkeit und Zufälligkeit – die auch nach allein wissenschaftlichen Pseudo-Erklärungen eine solche bleibt – von sich sagen kann, sie wisse tatsächlich. Aber darüber hinaus treten wir für die Möglichkeit von Formen der Erfahrung ein, die verschieden sind von der sinnlichen des gewöhnlichen Menschen, die nicht “gegeben”, nicht “normal” sind, wenngleich durch bestimmte aktive Prozesse innerer Verwandlung erreichbar. Das Eigentümliche solcher transzendenten Erfahrungen (von einen die “Überwelt”, das “Bereich der Seienden”, die sieben Himmel, die feurigen Sphären usw. der traditionsgebundenen Menschheit nur verschiedene Verbildlichungen waren) ist, daß sie unmittelbar, konkret und individuell wie die sinnliche Erfahrung selbst sind und gleichwohl die Realität außerhalb der zufälligen, raum-zeitlichen Seite, die allem eignet, was sinnlich ist, erfassen; eine Seite, über die auch die Wissenschaft hinauszugeben versucht, um den Preis allerdings, auch über alles das, was wirklich Wissen ist – Schau, individuelle und lebendige Sinnfälligkeit -, hinwegzugehen in bloßen Wahrscheinlichkeiten, in verständlichen “Gleichförmigkeiten”, in abstrakten erklärenden Prinzipien.

Dies wäre der Sinn, in welchem wir von “metaphysischer” Wirklichkeit sprechen. Man halte dabei aber fest, daß wir es mit der Erfahrung zu tun haben und nur mit der Erfahrung; daß vom traditionellen Standpunkt aus nicht eine endliche und eine absolute Realitát besteht, sondern eine endlich Art und eine absolute Art, die Realität zu erfahren, ein endliches Auge und ein absolute Art, die Realität zu erfahren, ein endliches Auge und ein absolutes Auge; daß das ganze sogenannte “Problem der Erkenntnis”ins Innere jedes Wesens eingeschossen ist, nicht von der “Kultur” abhängt, sondern von seiner Fähigkeit, sich vom Menschlichen, also sowohl vom Sinnlichen wie auch vom Rationellen und Emotionellen zu befreien und sich mit dieser oder jener Form “metaphysischer” Erfahrung zu identifizieren – längs einer Hierarchie, die ansteigt bis zum Kulminationspunkt eines Zustands vollkommener Identität, geistiger Schau, völliger übersinnlicher, überrationaler Aktualisierung eines Dings im Ich und des Ichs im Ding; die einen Zustand der Potenz und gleichzeitig einen Zustand absoluter Evidenz in Bezug aus das Ding selbst realisiert, nach dessen Gegebensein man nichts weiter verlangt und jeden Vernunftschluß als überflüssig erachtet, geschweige denn alles Bereden.

Dies ist in flüchtigen Umrissen der Sinn jener Weisheit, die in Angelpunkt der “metaphysischen” Lehre und der traditionellen Geisteswissenschaft bildet (der Ritus der Initiation bewirkte ursprünglich gerade die für das “Wissen” und das metaphysische “Sehen” notwendige Verwandlung des Bewußtseins) und deren Überlieferung, sei es auch in unterirdischen Adern, sich im Abendland bewahrt hat auch noch nach der Semitisierung und dem Verfall seiner antiken Kultur.

Was man sich vergegenwärtigen muß, ist, daß die heilige Wissenschaft der Weisheit, da sie nicht, wie jene profane, ein “Kennen”, sondern ein Sein ist, nicht in Büchern oder auf Universitäten gelehrt und in Worten übermittelt werden kann: um zu ihr zu gelangen, muß man sich verwandeln, das gewöhnliche Leben u meines höheren Lebens willen überschreiten. Sie mißt genau die Qualität und die Realität des individuellen Lebens, dessen unverletzliches Privileg und organischer Teil sie wird, anstatt Begriff und Kenntnis zu sein, die man in den Kopf aufnehmen kann, wie man ein Ding in einem Sack steckt, ohne daß man sich gleichzeitig in dem, was man ist, im geringsten verwandeln oder umstellen müßte.

Daher die natürliche Aristokratie der Weisheit; daher ihre entschiedene Nicht-Vulgarisierbarkeit, Nicht-Mittelbarkeit. Ein weiters “Tabu” der Europäer ist gerade die Mittelbarkeit: sie halten etwa dafür, daß das intelligible Sein und das sprachlich ausdrückbare Sein ein und dasselbe sind. Sie merken nicht, daß, wenn das Sinn haben kann hinsichtlich intellektueller Abstraktionen und Übereinskunfte auf Grund von Erfahrungen – den zu den physischen Sinnen gehörigen -, die annähernd in allen als gleich vorausgesetzt werden, dort, wo diese Gleichförmigkeit aufhört, dort, wo sich eine qualitativ Differenzierung wieder behauptet, die diskursive Mittelbarkeit kein Kriterium mehr sein kann.

Sich präzis auf die Evidenz tatsächlicher Erfahrungen gründend, jenseits von allem, was Erfahrung der gewöhnlichen Menschen ist, läßt die Weisheit eine einzigen Weg offen: daß man versucht, durch eine freie und schöpferische Tat auf die Ebene dessen zu gelangen, der die Lehre auseinandersetzt, um das durch Erfahrung zu wissen, was der andere in einem Wort sagt oder weiß und was andernfalls nur ein Wort bliebe. Der Sozialiserung, Entpersönlichung und Verbegrifflichung des Wissens, der demokratischen Neigung zu “vulgarisieren”, das Höhere zum Gebrauch des Niederigenen zu ent-potenzieren, damit die Mehrzahl, ohne sich umzustellen oder aufzuhören inferior zu sein, daran teilnehmen kann – dem stellen wir unversöhnlich die konträre, aristokratische Haltung entgegen: es muß Hierarchien im Wissen selbst gehen; es muß viele Wahrheiten geben, durch tiefe, breite, undurchwatbare Furchen voneinander getrennt, die genau den mannigfaltigen Qualitäten des Lebens und des Könnens entsprechen, den vielen verschiedenen Individualitäten; es muß eine Aristokratie des Willens geben, und die mitteilbar, demkratisch, uniformistisch verstandene “Universalität” muß aufhören ein Kriterium zu sein. Wir dürfen nicht zu ihnen hinuntersteigen, vielmehr haben sie sich bis zu uns zu erheben, indem sie sich würdig machen, ernstlich – je nach ihren Möglichkeiten, längs einer Hierarchie der Wesen – emporzusteigen, wenn sie an höheren und metaphysichen Formen teilhaben wollen, die das Kriterium ihrer selbst und der inferioren und physischen sind.

Woraus sich auch die Freiheit ergibt, das offene Feld, der Atemraum, den die Weisheit läßt. Beim sozialisierten Wissen gibt es stattdessen und immer ein verstecktes “du mußt”, immer eine heimliche, unduldsame moralistische Verpflichtung: was “wissenschaftliche” Wahrheit oder “Philosophie” ist, muß, insofern es Wahrheit ist, von jedem anerkannt werden; ihr gegenüber ist nicht erlaubt, sich andere zu verhalten. Ausdruck eines kollektiven Despotismus, will sie despotisch über alle Individuen gebieten, indem sie ihr gegenüber alle gleich macht – und gerade auf Grund eines solchen Wollens hat sie sich organisiert, hat sie ihre Waffen geschmiedet, ihre Beweise, ihre Methoden, ihre Gewalt. In der Weisheit dagegen ist das Individuum entbunden, redintegriert, sich selbst wiedergegeben: es hat seine Wahrheit, die erakt und zutiefst sein Leben ausdrückt, die eine besondere Art das Leben zu erfahren und auszudrücken ist, welche anderen, unterschiedlichen Arten nicht widerspricht oder sie ausschließt, die gleichfalls möglich sind in der Differenzierung, auf der die Hierarchie der Weisheit beruht.

Und damit genug, was die zweite Wurzel des europäischen Übels und sein Kollektiv anbetrifft; schon in diesem Hinweis rechtfertigt sich der Grundsatz, daß die “Wissenden regieren müssen”. Im Bereiche der Weisheit ist die Hierarchie des Wissens koexistent mit der Hierarchie der Kräfte und der Superiorität der Individuen. Das Wissen ist Sein, und das Sein ist Vermögen, ist Macht, weshalb es spontan die Würde des Imperiums an sich reißt. Die wirkliche Grundlage des traditionsverwurzelten Urbegriffs vom “göttlichen Königtum” war keine andere.

Dem entgegen steht, wiederholen wir es, das ganze Europa mit einer jahrhundertealten Erbschaft und Organisation: steht, wie wir sagten, die Welt der Professoren, der “Intellektuelen”, der Augengläser ohne Augen, die “gebildete”, akademische Welt der Universitäten, die im Sich-Anmaßen des Vorrechts auf das Wissen und den Geist nur bezeugt, bis zu welchem Grad der Niedergang und die Abstraktion des modernen Menschen haben vorbringen können.

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